Künstliche Intelligenz, Zukunft Gestalten, Goethe

Generation A=Algorithmus

© Lena Ziyal / Goethe-Institut
© Lena Ziyal / Goethe-Institut

Das Projekt »Generation A=Algorithmus« lenkt den Blick auf eine Generation, die derzeit noch in den Kinderschuhen steckt und deren Leben maßgeblich von algorithmischen Systemen bestimmt sein wird. Das Goethe-Institut hat im Rahmen des Projekts viele verschiedene Formate entwickelt, die sich an junge Erwachsene in ganz Europa (und darüber hinaus) richten, von Online-Gesprächsreihen, über Stipendien für bildende Künstler:innen und ein Residenzprogramm für humanoide Roboter bis hin zu einem Hackathon, der nach innovativen technischen Lösungen suchte, um dem Klimawandel positiv entgegenzuwirken.

Im Gespräch mit der Projektleiterin Dr. Jeannette Neustadt. www.goethe.de/generationa

Was möchte »Generation A=Algorithmus« erreichen?

Das Projekt möchte die Diskussion um Künstliche Intelligenz bzw. um algorithmische Entscheidungssysteme von Expertenkreisen in breitere Gesellschaftsschichten tragen. Gerade diejenigen, deren Leben am stärksten von den technologischen Entwicklungen dieser Zeit betroffen sind und sein werden, finden bisher nur wenig Gehör, vor allem auf politischer Ebene. Uns ist es als Kulturinstitut wichtig, diese Gespräche über nationale Grenzen und über verschiedene Disziplinen hinweg zu führen. Ein besonderes Augenmerk liegt zum Beispiel in der Einbindung künstlerischer Perspektiven, denn Kunst kann zum einen als Seismograph der auf technologischem Wandel fußenden gesellschaftlichen Entwicklungen fungieren, zum anderen als Katalysator für eine erfolgreiche und sozial verantwortliche Transformation dieser neuen Technologie in Produkte.

Wie gestalten Sie die Zusammenarbeit mit den Expert:innen?

Wir arbeiten mit sehr vielen Expert:innen aus verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Berufsgruppen zusammen, bisher knapp 250 Personen. Im Rahmen des Projekts haben wir ein Netzwerk mit dem Titel »European A(i)lliance« gegründet, welches uns bei der Umsetzung der Formatideen unterstützt und zu Beginn des Projekts zusammen mit uns relevante Fragestellungen entwickelte. Das Thema KI war für unsere Institution noch ein sehr neues. Mit den Expert:innen auf diesem Gebiet hatten wir vorher kaum oder gar nicht zusammen gearbeitet. Deshalb ist es großartig, dass wir nun auf so viele hervorragende Wissenschaftler:innen, Künstler:innen, Technolog:innen, Pädagog:innen und Aktivist:innen zurückgreifen können. Sie unterstützen uns als Referent:innen bei Veranstaltungen wie dem großen KI-Festival, das wir Ende letzten Jahres mit dem Hygiene-Museum realisiert haben, oder als Kooperationspartner für kleinere Formate wie die Gesprächsreihe »EU Digital Futures«. Mit dem Weizenbaum-Institut konnten wir 2021 eine Umfrage unter 3.000 jungen europäischen Erwachsenen zum Thema KI durchführen. Mit Feminist Internet haben wir Ende letzten Jahres zusammen mit jungen Erwachsenen aus 16 europäischen Ländern eine Zukunftsvision für das Leben mit KI entwickelt.

Was verändert KI? (Welche Grenzen hat KI?)

KI-Anwendungen bergen ein großes Potential für die Lösung globaler Probleme unserer Gesellschaft. KI kann beispielsweise den Gesundheitssektor revolutionieren und Ärzt:innen dabei unterstützen, Menschen gezielter und besser zu behandeln. KI kann – trotz des hohen Energieverbrauchs, den die Anwendung der Technologie nach sich zieht – den Klimawandel wirksam bekämpfen, unter anderem durch die Berechnung effizienter Lösungen für die Reduzierung von Emissionen oder durch die Sichtbarmachung des persönlichen Ressourcenverbrauchs. KI wird in Zukunft Gerichtsurteile fällen, Autos lenken und den Alltag der Menschen von vielen unangenehmen, repetitiven Tätigkeiten befreien. Mit der extrem schnellen Auswertung extrem großer Datensätze kann maschinelles Lernen die Menschen beim Fällen richtiger und wichtiger Entscheidungen unterstützen. Genau hier verbirgt sich aber auch die Schwachstelle der Technologie. Denn Algorithmen für maschinelles Lernen sind immer nur so gut, gerecht und fair wie die Daten, mit denen sie trainiert wurden. Es hat sich aber längst herausgestellt, dass diese Daten eben doch oft verzerrend und diskriminierend sind und KI diese Tendenzen noch verstärkt. Von der Implementierung eines Algorithmus über die Auswahl eines Datensatzes bis zur Auswertung der Ergebnisse ist die Zusammenarbeit mit Menschen, die ein Problem wirklich verstehen, unverzichtbar. Maschinelles Lernen ist ein Instrument. Es kann im Sinne einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft eingesetzt oder gegen sie gerichtet werden. Als Beispiele für letzteres möchte ich nur die Gefahren erwähnen, die von autonomen Waffensystemen ausgehen oder von den Sortieralgorithmen sozialer Medien, welche politische Meinungsbildung untergraben und einen großen Anteil an der Spaltung der Gesellschaft tragen.

Wo sehen Sie Spannungsfelder?

Neben den bereits erwähnten Spannungsfeldern, der Untergrabung demokratischer Meinungsbildungsprozesse oder des Einsatzes autonomer Waffensysteme, sollte auch auf die Auswirkung der KI auf die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit in der Gesellschaft hingewiesen werden. Jede Form der Automatisierung unterhöhlt tendenziell Arbeitsverhältnisse im mittleren Einkommenssektor und vertieft die Kluft zwischen hochqualifizierter, häufig geistiger Arbeit und ungelernter körperlicher Arbeit. Das gilt auch KI, die mittels ihres enormen Einflusses auf den Arbeitsmarkt zusätzlich politische Instabilität und populistische Tendenzen begünstigt.

Doch KI zeichnet auch einen weiteren Graben nach, den zwischen den Ländern des Globalen Südens und des Globalen Nordens. In der Regel werden KI-Anwendungen im Globalen Norden entwickelt und eingesetzt. Partizipieren können an den Innovationen vor allem Gruppen, die über die entsprechenden Ressourcen, Datensätze und Kompetenzen verfügen. KI ist heute alles andere als inklusiv. Sie klammert häufig auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen aus. Ein Grund hierfür liegt in den wirtschaftlichen Interessen, die mit der Entwicklung von KI-Anwendungen verbunden sind. Gerade der Globale Norden investiert zuvorderst in technologische Lösungen, die möglichst hohe Kapitalerträge nach sich ziehen.

Welche Vorteile bietet KI uns Grafikdesigner:innen?

Ich habe in den letzten Monaten von vielen Kreativen erfahren, dass maschinelles Lernen ihnen völlig neue Ausdrucksformen ermöglicht. Außerdem kann KI vor allem bei Routineaufgaben unterstützen, Arbeitsprozesse optimieren und Grafikdesigner:innen somit mehr Zeit für kreative Prozesse einräumen. Die Rolle der Designer:innen liegt dann eher im Selektieren und in der Vollendung der unzähligen vom Algorithmus angebotenen Lösungen. Die KI wird quasi zur Co-Designerin.

Bereichert oder gefährdet Künstliche Intelligenz die Zukunft von Designer:innen und warum?

Wir haben uns im Rahmen von »Generation A=Algorithmus« immer wieder mit Kunstschaffenden über den Einfluss von KI auf kreative Prozesse ausgetauscht. Kann die Maschine wirklich kreativ sein? Die eindeutige Antwort darauf lautet: Nein. Die Maschine handelt nicht aus einer Intention heraus. Sie wirft keine gesellschaftlichen Fragen und Probleme auf. Sie erschafft keine Werke, sondern sie errechnet sie – immer auf der Grundlage bestehender Daten. Auf dem Gebiet anwendungsbezogener Kunst kann sie jedoch durchaus überzeugende Ergebnisse hervorbringen. Auch Laien werden dank KI in die Lage versetzt, Musik zu komponieren, Logos zu erstellen oder Webseiten zu kreieren. Kreative KI »übertrumpft« ihre menschlichen Kolleg:innen darüber hinaus in puncto Arbeitsleistung. Die Maschine kann in Sekunden Tausende von Schriftarten, Farbpaletten und Layoutstrukturen abgleichen. Sie nimmt keinen Urlaub und kennt kein Wochenende. Insofern gefährdet sie sicherlich die Zukunft von Designer:innen. Auf der anderen Seite zieht die Entwicklung von immer mehr KI-Anwendungen auch die Notwendigkeit von immer besser gestalteten Anwendungstools nach sich. Und genau hierfür werden Designer:innen benötigt. Zudem kann die KI zwar Vorschläge unterbreiten, aber keine Auswahl treffen. Sie sollte nicht als Konkurrenz, sondern als Instrument betrachtet werden, welches imstande ist, die eigene Arbeit sowohl zu bereichern als auch zu erleichtern.

Was würden Sie den Leser:innen noch gerne mitteilen?

Die Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz hat gerade erst begonnen, auch für das Goethe-Institut. Die »Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts« und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft müssen hinreichend reflektiert und verhandelt werden – von Menschen verschiedener Berufsgruppen und Herkunftsorte. Die Entscheidungen sollten nicht allein bei den Technolog:innen, bei großen Tech-Unternehmen und Regierungen liegen, sondern von der gesamten Gesellschaft getroffen und getragen werden. Die Einbindung junger Stimmen liegt uns beim Projekt »Generation A=Algorithmus« dabei besonders am Herzen. Andere KI-Projekte des Goethe-Instituts nehmen weitere, bis dato zu wenig gehörte Stimmen in den Fokus. Mehr Informationen unter: www.goethe.de/generationa sowie im Magazin Zeitgeister des Goethe-Instituts.

Der Beitrag erschien in der Kolumne »Zukunft Gestalten« im Grafikmagazin 02.22.

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